CHRONIK
Deutsches Vereins-Kulturleben in Königsau
Nachder 1907 erfolgten Schaffung eines Schutzvereines, des Bundes der christlichen Deutschen in Galizien (= Bund), der die evangelischen und die katholischen Deutschen des Landes zwecks Erhaltung und Pflege ihrer deutschen Kulturgüter und der Förderung ihrer wirtschaftlichen Interessen erfaßte, schloß sich Königsau diesem Bunde an. Am 18.11.1910 besuchte ein Wanderlehrer des Bundes die Gemeinde. Es wurde die Gründung einer Ortsgruppe (= OG) und eines Lesevereines beschlossen (VB 87/1910). Um das während des Ersten Weltkrieges durch Kirche und Schule erschütterte Gefühl der Zusammengehörigkeit der Gemeinde mit dem Gesamtdeutschtum wieder zu stärken, fand am 3.1.1918 die gründende Versammlung einer Frauen- und Mädchen-Ortsgruppe des Bundes statt. Die Wanderlehrerin, Frau Vellhorn aus Lemberg, hielt einen allgemein völkischen Vortrag, der mit gespanntem Interesse angehört wurde. (VB 3 v. 17.1.1918.) Hier erscheint es angebracht, noch einmal der kulturellen Tätigkeit des Lehrers Jakob Hott in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg zu gedenken. Er lehrte die Jugend Volks- und Kirchenlieder, er sang mit den Burschen, seine Frau Elisabeth, geb. Kröpil aus Kaisersdorf, sang mit den Mädchen. Das Ehepaar Hott lud die Jugend zweimal in der Woche zu sich in die Wohnung ein. Die Jugend kam sehr gerne zu diesen Singabenden (GP v. 3.10.66). Anstelle des 1923 von den polnischen Behörden aufgelösten Bundes riefen die deutschen Katholiken in Galizien (die Evangelischen hatten ihre deutsche Kirchen- und Schulorganisation, außerdem gab es für beide Konfessionen eine gemeinsame Wirtschaftsorganisation) 1925 im Reg.-Bez. Stanislau und 1926 im Reg.-Bez. Lemberg, wohin Königsau gehörte, den Verband deutscher Katholiken (VdK) ins Leben. Auch in Königsau entstand ein OG des VdK. Am 12.12.1927 besuchte ein Wanderlehrer des VdK die Gemeinde. Zwei Polizisten mit aufgepflanzten Seitengewehren nahmen gegenüber dem Redner Platz. Sie untersagten dem Wanderlehrer das Singen mit den Anwesenden, worauf diese enttäuscht den Saal verließen (VB 1 v. 1.1.28). Doch ließen sich besonders die Jugendlichen der OG dadurch nicht entmutigen. Als am 16.3.1928 der Wanderlehrer des VdK die Gemeinde wiederum besuchte, um die Jahreshauptversammlung durchzuführen, war der Besuch sehr zahlreich. Dank der regen Werbetätigkeit des ersten Obmannes der OG, Johann Trunkwalter sen., war die Mitgliederzahl auf 158 gestiegen. Die Jugend bekundete großes Interesse für Gesang und Theaterspiel (VB 19/1828). Vor dem Kirchweihfest (Kerb) in Königsau, welche am 21.10.1928 stattfand, entstand eine Meinungsverschiedenheit wegen des Eintrittsgeldes zum Tanzlokal. Dank dem Auftreten des neuen Gemeindevorstehers, Siegmund Zintel, wurde das Eintrittsgeld doch eingehoben. Zugleich regte er den notwendigen Bau eines Gemeindehauses an. Als Beispiel für die anderen spendete der Schulz 50 Zloty (was einem heutigen Geldwert von etwa 200 DM entspricht), worauf nun alle Gemeinderatsmitglieder 10 Zloty, manche auch mehr spendeten. Besonders anerkannt wurde, daß Adalbert Kaufhold den Schotter zum Bau beisteuerte, weil dieser dort sehr schwer zu bekommen war. Mehrere Leute verpflichteten sich, Holz zum Bau zu geben (VB 46/1928). Der Bau des Gemeindehauses erfolgte im Jahre 1929 und ist in demselben Jahr eingeweiht worden. In der Zeit vorher fanden Tanzveranstaltungen, Gemeindeversammlungen, Versammlungen des VdK, Singstunden und Theaterproben im Haus Nr. 98 statt. Das war die ehemalige Dorfschenke des Adam Trunkwalter und dessen Nachfolgers Gustav Fitz. Das Gemeindehaus enthielt einen großen Saal, in dem ein Radio und ein Tischtennis für die Jugend aufgestellt waren, eine Gemeindekanzlei und einen Kaufladen (GP v. 14.3.65 und 5.4.65). Aus der Tätigkeit des VdK können im nachfolgenden nur die wichtigsten Tatsachen und Vorkommnisse aufgezeichnet werden. Im Jahre 1930 besuchte die Wanderlehrerin, Frl. Maria Koppe, die Gemeinde und leitete Familien- und Gesangsabende (VB 11/1931). - In der Jahresversammlung am 17.12.1933 forderte der Schriftführer Ernanuel Schneider alle Mitglieder auf, sich eng zusammenzuschließen, öfters zusammenzukommen, gute Bücher und Zeitungen zu lesen und sich zu seiner Muttersprache offen zu bekennen. Die Jugend nahm sich diese Worte zu Herzen und beschloß, jeden Sonntag und Donnerstag zusammenzukommen, um das Volkslied zu pflegen, Gesellschaftsspiele zu veranstalten und Bühnenstücke einzustudieren. Mit dem Absingen des Liedes "Kein schöner Land in dieser Zeit" und "Gute Nacht, auf Wiedersehen" wurde die OG-Versammlung beschlossen (VB 51/1933). Ein besonderes Ereignis im kulturellen Leben der Gemeinde war der Besuch der Jugend des Lesevereins von Brigidau mit ihrem Obmann Johann Becker am 6.1.34. Die Brigidauer führten das Spiel "Alt-Heidelberg" auf. Die Spielschar wurde von den Königsauern mit größtem Wohlwollen aufgenommen. Der Familienabend war überaus zahlreich besucht, und die Teilnehmer folgten mit größtem Interesse den gut gelungenen Darbietungen. Dieser Abend war auf Einladung des hochwürdigen Pfarrers von Königsau, Johann Deneka, zustande gekommen, dem dafür im VB 5/1934 herzlich gedankt wurde. In der VdK-Versammlung am 17.1.1935 wurde der Jugend ein großes Lob ausgesprochen für ihren Eifer und ihre Leistungen. Aus dem Bericht eines Wanderlehrers: "Es war eine Freude, bei den jungen strammen Mitgliedern weilen zu können, die Arbeit fiel einem leicht, und der Erfolg blieb nicht aus. In letzter Zeit wurde der Entschluß gefaßt, ein der Jugend entsprechendes eigenes Vereinslokal mit Radio, Bücherei und Tennisspiel einzurichten. Die Burschen gaben den größten Teil ihres Fastnachtsgeldes her, um dieses Vorhaben zu verwirklichen. Das Faschingskränzchen wurde im Gemeindehaus mitgemacht. Für Abwechslung und Heiterkeit sorgten Lieder, Kanons und Volkstänze. Sogar die Männer wollten diese Reigen, allein und unbeobachtet, erlernen." - Eine GP schrieb dem V.d.B. über dieses Jugendheim: "Dieses Heim wurde in dem ehemaligen Gasthaus eingerichtet, welches nach dem vorzeitigen Tod des Wirtes, Gustav Fitz, stillgelegt war. Das Haus war zwischen Johann Trunkwalter und Johann Wieser gelegen. Die Hälfte des Gebäudes war an Rudolf Hampel verkauft, und dieser hatte jene Hälfte an die Jugend verpachtet. Es war ein schönes großes Zimmer. Die Lehrerin Frl. Anna Lang und einige Wanderlehrer haben in diesem Heim allerhand für die Jugend getan. Wenn Kerb oder Fastnacht war und alle Erwachsenen im Gemeindehaus das Tanzbein schwangen, dann durfte auch die noch nicht saalfähige Jugend in dieser Dorfstube bei einer Ziehharmonika oder Drei-Mann-Kapelle hoppeln und so das Tanzen lernen. Im Winter verbrachte die Jugend die Abende mit Spielen, z.B. "Wenn der Topf aber ein Loch hat, lieber Heinrich" und so mehr. Im Sommer wurden fast jeden Sonntagnachmittag im Freien Volkstänze vorgeführt. Das alles war einfach herrlich." (GP v. 7.3.1965.) Immer mehr bemühte sich die Jugend von Königsau, kulturelles Leben zu pflegen, um nicht in einen Zustand der inneren Leere und Gleichgültigkeit zu versinken. Weder der strömende Regen noch der weite, weil über 30 km lange, Weg konnte den begeisterten Teil der Jugend von der Jahrestagung des VdK in Kaisersdorf abhalten. Mit viel Freude und Dank nahmen die Königsauer den Besuch der Kaisersdorfer Jugend am 14.7.1937 entgegen. Diese Besuche mit Spiel und Lied trugen zu einem Näherkommen und zu einer engeren Verbindung bei (VB 3/1935). Die Weihnachtsfeier 1935 gestalteten die jüngsten Mitglieder des VdK, sie waren Veranstalter und Spieler zugleich. Wenn es im ungeheizten Gemeindehaus bei den Proben auch manchmal Zähneklappern gab, so blieben die Früchte doch nicht aus. Beide Bühnenstücke wurden flott und gut gespielt und von mehrstimmigen Weihnachtsliedern umrahmt (VB 4/1936). Aus dem Tätigkeitsbericht der OG des VdK, die am 19.12.1936 stattfand, werden Aufführungen, Feiern, Versammlungen mit Vorträgen, Liederabende, Ausflüge der Jugend nach Machliniec, Brigidau und Kaisersdorf, der Besuch der Jugend aus anderen Siedlungen angeführt (VB 12/1936). Im Jahre 1936 fand in Königsau unter Leitung einer VdK-Lehrerin ein Sprachkursus statt. An den Abenden wurde gelesen und wiedererzählt. Aus der Sprachlehre lernten die jungen Leute die wichtigsten Wortarten kennen, besonders großes Gewicht wurde auf die Rechtschreibung gelegt. Da die Spitzschrift besonders den jüngeren Teilnehmern unbekannt war, wurde auch diese geübt. Der Kursus war erfolgreich (VB 8/1937). Ähnlich wie in den meisten Siedlungen mit einer VdK-OG sammelten auch die Königsauer im Jahre 1937 für die Nothilfe. Dabei erfuhren die Sammler manche Gebefreudigkeit. Sogar der Ortspfarrer Hochwürden Wolczanski spendete zwei Zloty und Schulleiter Lagan einen Zloty, obgleich sie Polen waren (VB 26/1937). Am 3. Oktober 1937 wurde in Königsau zum erstenmal ein Erntedankfest gefeiert. Kirche und Gemeinde wurden mit Früchten und Blumen geschmückt. Morgens im Hochamt wurde der Erntekranz geweiht und dann nach dem Gottesdienst von der Jugend durch das Dorf getragen. Vor dem Gemeindehaus wurde ein Erntespiel aufgeführt, das alle Anwesenden fesselte. Der Gemeindevorsteher hielt eine Ansprache, in der er Sinn und Bedeutung der Erntefeier hervorhob (VB 42/1937). Die Vollversammlung der OG am 23.2.1938 war von der Jugend besonders stark besucht, dagegen schwächer von den Erwachsenen, die der Meinung waren, die OG sei nur für die Jugend da. Die starke Zunahme der Bezieher des VB von 7 auf 36 ließ auf baldige Besserung hoffen (VB 8/1938). Am 22.1.1937 wurde die Vermählung von J. Trunkwalter und E. Limberger!gefeiert. Schon zwei Tage vorher gingen, nach der Väter Brauch, zwei "Hochzeitsbitter" mit je einem Stock, an die die Geladenen bunte Bänder befestigten, im Dorf herum. Nach der Trauung versammelte sich die Hochzeitsgesellschaft im Hochzeitshaus. Beim Festessen wurde eine Rede gehalten, in der das Brautpaar aufgemuntert wurde, auch fernerhin dem deutschen Volke, seiner Sprache und Sitte die Treue zu halten. Die Jugend brachte ihre Sympathie auch anderen Brautpaaren zum Ausdruck. Am 22.1.1937 dem Johann Trunkwalter und Frl. Liese Kaufhold, am 15.2.1938 dem Rudolf Reichert und Frl. Wilhelmine Kaufhold, am 29.7.1939 dem Felix Neuheimer und Frl. Mathilde Wolf (VB 8/1937, 8/1938, 10/38, 34a/39). Die Obmänner der OG des VdK: Johann Trunkwalter sen., Johann Reichert, Josef Langenfeld und Emanuel Reichert waren 1965 bereits verstorben. Adolf Tettich lebte 1965 als Rentner in Brehna, Kreis Bitterfeld; Ferdinand Fachet ist gefallen. Besonders rührige Mitglieder der OG waren Valerian Wolf, Johann Trunkwalter jun. und Emanuel Schneider (GP v. 5.4.1965).
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