CHRONIK
                                   Zweiter Weltkrieg und Umsiedlung Erinnerungen
In den letzten Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bekam, wie fast alle deutschen Siedlungen in Galizien, auch Königsau die zunehmende Rechtlosigkeit zu spüren. Wer z.B. ein Grundstück erwerben wollte, so war es ausgeschlossen, dazu von den polnischen Behörden die Genehmigung zu erhalten (GP v. 28.4.1965). Vor und bei Ausbruch des Krieges wurden in Königsau keine Verhaftungen vorgenommen, aber es standen manche Personen auf der Liste (GP wie oben). Die Verhaftungen wurden verhindert durch den Polizeimeister Klimentowicz, der den Königsauern wohlgesinnt war (GP v. 4.4.1965). Zur Umsiedlung ließen sich in Königsau alle registrieren bis auf den Pfarrer Franziszek Stanko, den Oberlehrer Lagan und eine alte Frau mit ihrer stummen Tochter (GP v. 7.4.1965). Pfarrer Stanko hielt am 3.1.1940 abends einen Abschiedsgottesdienst mit Segen. Er forderte seine Pfarrkinder auf, im Glauben festzubleiben und das Erbe der Väter zu bewahren. Er wünschte den Scheidenden in der neuen Heimat alles Gute. Am folgenden Morgen, als sich der lange Treck mit Frauen und Kindern nach der Verladestation Stryj in Bewegung setzte, ließ er alle Glocken läuten. Pfarrer Stanko wurde zum Umsiedeln aufgefordert, lehnte jedoch ab mit der Begründung, er habe vom Hochwürdigen Herrn Bischof in Przemysl den Auftrag erhalten, die Kirche und den Ort bis auf weiteres nicht zu verlassen. Er ist bis Przemysl mitgefahren. Im Jahre 1941 oder 1942 schrieb der letzte in Königsau tätig gewesene Briefträger einer Königsauer GP, Stanko sei von ukrainischen Partisanen überfallen und getötet worden. Dies soll geschehen sein, als er einen Gang von Medenice, wo er die polnische Pfarrgemeinde nach der Flucht ihres Seelenhirten betreute, nach Königsau unternahm (fünf GP). Eine GP schrieb dem V.d.B.: "Die Umsiedlung war das traurigste Erlebnis. Wir sind gefahren wie in den Tod, alle Glocken haben geläutet." Schulleiter Lagan ist nach der Besetzung durch die sowjetischen Truppen verschwunden. Man hat nichts mehr von ihm erfahren (GP v. 4.5.1965). Einige unangenehme Tatsachen haben Königsauer an ihre alte Heimat in Erinnerung.Eine GP schrieb: "Aus dem heutigen Abstand heraus könnte man als unangenehm bezeichnen die schlechten Wegverhältnisse sowie die stadtferne Lage, die zunehmende Belästigung der Deutschen und Unterdrückung des Deutschtums von seiten der Polen. (4.5.1965.) Eine andere GP: "Es war zu weit zur Bahn. Die Brunnen waren zu tief. Es waren keine Fabriken in der Nähe." (28.4.1965.) Über angenehme Erinnerungen an Königsau wußten GP folgendes zu berichten: "Angenehm im Gedächtnis habe das Dorf selbst in seiner schönen architektonischen Gestaltung mit dem regelmäßigen fünfstrahligen Grundriß, den gut erhaltenen und gepflegten, z.T. mit Blech gedeckten Gebäuden, die ein Zeichen eines gewissen Wohlstandes waren; zum andern seine tatkräftigen stolzen Menschen, die sich mit Fleiß und Zähigkeit trotz ungünstiger äußerer Bedingungen emporzuarbeiten wußten, die aber auch das gesellige Leben, gute Kleidung und andere angenehme Dinge zu schätzen wußten. Besonders an Feiertagen, z.B. Kirchweih, zog Königsau gewissermaßen als kleiner ländlicher deutscher Mittelpunkt die deutschen Menschen, Verwandte und Bekannte aus benachbarten und auch fernen Ortschaften an. Die Kerb fand am 3. Sonntag im Oktober statt. Da wurde gebacken und geschlachtet und zwei Tage gefeiert und getanzt, letztmalig 1938. Anziehungspunkte für die Jugend waren stets die Tanzabende im Gemeindehaus. In angenehmer Erinnerung habe ich ferner die schönen Abende, die die Jugend bei Gesang und Spiel mit ihren Wanderlehrern verbracht hat. Zu erwähnen ist auch noch die Aufgeschlossenheit gegenüber der übrigen Welt, was sichl u.a. auch darin widerspiegelte, daß man Rundfunk hörte, Zeitungen las und daß besonders viele Jugendliche, die in den zwanziger Jahren nach Übersee ausgewandert waren, durch BriefwechseI und Besuche die Verbindung zur alten Heimat erhalten haben." (4.4.1965.) Eine andere GP: "In angenehmer Erinnerung an Königsau habe ich: Das Dorf war sehr schön angelegt. Die Kirche, die Schule, das Gemeinde haus und die Molkerei befanden sidl in der Mitte des Dorfes, von allen Seiten also leicht erreichbar. Das Dorf lag in einer schönen Landschaft. Der Boden war besonders fruchtbar und das Klima sehr günstig. Außerdem war ein schöner Wald in der Nähe." Zu guter Letzt eine GP: "Wenn wir auch in unserer Jugend es nicht so gut hatten wie es unsere Kinder heute haben, aber Königsau bleibt Königsau und für uns immer unvergessen. Wir haben oft Sehnsucht nach dort, nur ein einziges Mal möchten wir es sehen wollen. Es war einfach romantisch in unserem schönen lieben Königsau, herrlich angelegt und harmonisch." (7.3.1965.)
Auskunftsbriefe von sieben Gewährspersonen (GP) aus Königsau in alphabet. Reihenfolge: Barthel, Mathilde, in Bad Hornburg Hott, Elisabeth, in Obersasbach/Baden Kaufhold, Josef, in Harnburg Reichert, Mathilde, in Würzburg Schneider, Emanuel, in Ostdeutschland Schuster, Maria, in Würzburg Schwarz, Johann, in Grußendorf
Quellennachweis: Deutsches Volksblatt für Galizien, Lemberg, 1907-1939 Prof. Dr. Walter Kuhn, Der Dorfplan von Königsau, in 1781-1931, Gedenkbuch zur Erinnerung an die Einwanderung der Deutschen in Galizien Dr. Ludwig Schneider, Das Kolonisationswerk ]osephs II. in Galizien, Verlag Hirzel in Leipzig 1939 Sepp Müller, Das deutsche Genossenschaftswesen in Galizien usw., Verlag C. F. MÜLLER, KARLSRUHE, 1954       Auskunftsbriefe von sieben Gewährspersonen (GP) aus Königsau in alphabet. Reihenfolge: Barthel, Mathilde, in Bad Hornburg Hott, Elisabeth, in Obersasbach/Baden Kaufhold, Josef, in Harnburg Reichert, Mathilde, in Würzburg Schneider, Emanuel, in Ostdeutschland Schuster, Maria, in Würzburg Schwarz, Johann, in Grußendorf                          
CHRONIK